Stadtgeschichten im Museum. Von Träumen, Räumen und den Menschen

Oder: Ist die Vision ist die feige Schwester der Vorhersage?

Stadtgespräch SG001 vom 22.01.2017 zur Ausstellung “Stadt der Zukunft” im Technischen Museum Wien. Mit Elisabeth Limbeck, Kuratorin; Lisa Noggler, Kuratorin; Lothar Bodingbauer, Radiojournalist.

Link zur Podcast Episode: http://sg.sprechkontakt.at/sg001/

Es ist ja schon einigermaßen anspruchsvoll, wenn auch erprobt, eine Ausstellung zu gestalten, die sich mit der Vergangenheit beschäftigt. Oder mit der Gegenwart. Aber auch da gibt es genügend Expertise. Eine Ausstellung hingegen, die von der „Stadt der Zukunft“ handelt, da muss man sich schon etwas einfallen lassen. Besonders wenn diese Ausstellung im Technischen Museum Wien stattfindet. Elisabeth Limbeck und Lisa Noggler sind zwei der Kuratorinnen, die die „Zukunft der Stadt“ entwickelt haben. Lothar Bodingbauer wiederum ist Radiojournalist und Podcaster. Er hat an den Texten mitgearbeitet. Ein Gespräch über das Geschichtenmachen.

Lothar: Im Radio habe ich Geräusche. Das Klacka-di-klack der kaputten Rolltreppe vom Karlsplatz. Wenn ich jemanden finde, der mir erzählt, was klackt, wird daraus eine Geschichte über die Haltbarkeit der Stadt. Ist das bei euch auch so einfach?

Lisa: Storytelling. Das Geschichtenerzählen in Ausstellungen wird in den letzten Jahren viel diskutiert. Aber der Begriff Storytelling ist schon eine „Leihgabe“ – wie viele andere, mit denen wir das Ausstellen beschreiben. Wir Ausstellungsmacherinnen haben kaum passende Begriffe, um über Ausstellungen zu sprechen. Wir wollen ja nicht nur „stellen“, ausstellen soll nicht hinstellen sein. Wir leihen uns die Ausdrücke aus dem Theater oder vom Film. Wir schreiben beispielsweise ein Drehbuch für eine Ausstellung. Aber irgendwie passt das nicht. Beim Theater kommen die Leute, setzten sich nieder, sie sehen zwei Stunden zu, haben vielleicht eine Pause. Beim Ausstellungsmachen hast du den Raum, der frei betreten wird, und der Raum macht viel mit den Menschen. Soll man da dieselben Vokabeln verwenden, wie für das Erleben im Theater? Rhythmen sind schön. Von so einer Rolltreppe. Diesen Rhythmus müssten wir in den Raum übertragen. Wir würden vielleicht zwei Rolltreppen-Treppen nehmen und zeigen, wie das Prinzip funktioniert. Ja, auch über Geräusche könnten wir das gut vermitteln.

Lothar: Im Technischen Museum ist es ja eigentlich ruhig.

Elisabeth: Im Kraftwerk und dem LD-Tiegel gibt es schon Geräusche, auch bei der Medienstation. Aber im Technischen Museum kommen die meisten Geräusche von den Besuchern selbst. Sie ändern sich stark je nach Tageszeit, nach dem Wetter. Unser Museum ist ja auch sehr offen, die Geräusche gehen durchs Haus. Das kann auch zur Belastung werden, wenn es zu laut wird. Das Rolltreppengeräusch könnte ein sinnlicher Ankerpunkt sein. Es könnte helfen, sich räumlich im Museum zu orientieren. Beim Theater habe ich das Bühnenbild. Die Zuschauer haben den Überblick. Das Thema wird mit dem Vorhang aufgemacht. Im Technischen Museum ist es der freie Raum. Die Besucher entdecken die Räume im eigenen Rhythmus und in der eigenen Reihenfolge. Jede Ausstellung ist durch mehrere Eingänge erschließbar. Hintereinander ist da gar nichts. Man muss sich permanent entscheiden, gehe ich rechts, links, rauf oder runter. Aber die Welt zu entdecken funktioniert genauso. Leitsysteme sind bei uns schwierig, sie werden zwar immer wieder nachgefragt, aber zuallerst muß der Raum eine Anziehungskraft entwickeln. Wir arbeiten lieber mit dem Gefühl im Raum. Der Raum ist der erste Anhaltspunkt, wo ich etwas spüre.

Lothar: Für die Stadt der Zukunft wurde ein Hochhaus im Museum gebaut – ein neuer Raum im Raum. Aber da fange ich ja doch unten an zu gehen? Wie beim Radio mit dem Beginn der Geschichte?

Lisa: Nein. Wir haben mindestens fünf Eingangsmöglichkeiten in das Gebäude. Es gibt da keinen Anfang, den wir vorschreiben können. Was passiert, wenn Besucher nicht unten beginnen? Vom „bewegt“-Teil der Stadtausstellung geht es zum Beispiel in die Mobilitätsausstellung des Museums. Diese Anschlussstellen sind wichtig.

Lothar: Ich habe gerade eine Radiogeschichte über Kaiser Franz Joseph und die Ischlerbahn gemacht. Die eigentliche Geschichte dabei ist, dass diese Bahn nur mehr in den Köpfen vorhanden ist. Erinnerungen. Wie ist das bei der „Zukunft der Stadt“? Was ist eure Geschichte?

Lisa: Ein technisches Museum traut sich, eine Zukunftsprognose zu geben. Nein, das ist es nicht. Es ist eine Zukunftsvision. Wir wollen zeigen, wie das Forschen darüber funktioniert. Dass es Menschen gibt, die heute Produkte für die Zukunft entwickeln. Dass es Ideen gibt, wie diese Zukunft aussehen könnte. Oder sollte. Und wir wollen, dass die Besucherinnen sehen, dass sie einen ganz großen Anteil haben, ob und wie diese Visionen umgesetzt werden. Kurz: Wie könnte die Zukunft der Stadt ausschauen.

Lothar: Aber ist da nicht die Vision die „feigere Schwester“ der Prognose? Wenn ihr nicht genau wisst, was sein wird, dann greift ihr auf die Vision zurück?

Elisabeth: Denkmöglichkeiten sage ich lieber. Das ist schwächer als eine Prognose, und sogar noch schwächer als die Vision. Denkmöglichkeiten ergeben kein großes Bild, sondern viele kleine Bilder. Kleine Einblicke, in denen sich jemand etwas für die Zukunft überlegt. Es gibt viele Akteure, die das tun. Wie möchte ich in Zukunft leben? Das müssen keine großen Forschungsprojekte sein, sondern können auch kleinere Überlegungen, die etwas verändern möchten. Forschung, Innovationen, da sind sehr viele beteiligt. Die Denkmöglichkeiten können sich dabei auch widersprechen.

Lothar: Ihr habt mir während der Entwicklung der Ausstellung immer wieder Geschichten erzählt, die euch fasziniert haben. Das waren oft gar nicht die Geschichten der Überschriften, sondern Elemente daraus. Der schiefe Mistkübel.

Lisa: Der schiefe Mistkübel! Das war eine Forderung von Radfahrern in Kopenhagen. Sie wollen nicht absteigen, während sie den Mist wegwerfen. Wir haben ihn in der Ausstellung.

Elisabeth: Mich hat das Karussell aus Zaatari fasziniert, der Flüchtlingsstadt in Jordanien. Wir haben es als Geschenk bekommen, gebaut aus alten Zeltstangen, mit Stoffen gepolstert. Jordanische Ingenieure gemeinsam mit Bewohnern haben es mit dem Material vor Ort gebaut. Das UN-Flüchtlingshilfswerk sorgt für die Grundbedürfnisse, und die Menschen für alles, was dazwischen ist. Sie diskutieren, was sie brauchen. Sie machen das, was die Stadt nicht zur Verfügung stellt.

Lisa: Kilian Kleinschmidt hat uns als ehemaliger „Bürgermeister“ von Zaatari seine Erfahrungen erzählt.

Elisabeth: Ich habe also dieses Objekt genommen, und geschaut, wann Innovation entsteht.

Lothar: Oh. Jetzt ist das Wort gefallen. „Innovation“. Da bin ich etwas empfindlich. Wenn es das Wort nicht gäbe, wäre ich nicht böse. Das macht mich nervös, wütend und latent aggressiv. Weil es so schnell hingeklebt wird, während so viel im Nebel bleibt, weil man sich keine Gedanken macht, etwas genau zu beschreiben, was es wirklich ist. Aber in diesem Fall hat es gestimmt, das Karussell war ja eine Innovation im Alltag der Flüchtlingsstadt.

Elisabeth: Das Zaatari-Beispiel war eine Antwort auf ein Bedürfnis. Leute haben sich Gedanken gemacht, wie sie eine Lösung für ein Bedürfnis finden. Das ist Innovation. Sie ist auch waghalsig. Und trifft den Punkt. Zufällig kann das nicht entstanden sein. Ich fand es wichtig, auch in einem Technischen Museum solche Prozesse in die Ausstellung hineinzunehmen. Das ist ja nicht High-Tech. Wir haben uns sogar mit Innovationstheorien beschäftigt. Als aber die Geschichten konkret wurden, haben wir das ad-acta gelegt. Die Definition, was Innovation ist, war plötzlich nicht mehr wichtig.

Lisa: Mich macht eher das Wort „Vision“ nervös. „Große Visionen“, „gesellschaftliche Visionen“. Diese Visionen haben immer eine klare Vorstellung, wie man sich menschliches Verhalten in der Zukunft vorstellt. Das ist viel mit Macht verbunden. Mit Einschluss und Ausschluss in und aus der Gesellschaft. Wer gehört dazu, wer nicht, wer darf teilhaben, wer nicht. Wie wünschen wir uns Kontrolle, Sicherheit. Wie viel möchten wir aufgeben? Wir haben mit Firmen zusammengearbeitet, die Lösungen anbieten: Beleuchtungssysteme, Schließsysteme, Transportsysteme. Das Schwierige ist dann, man kann die Forschung nicht abbilden, man hat nur die Hochglanzprospekte der Visionen. Forschung, das ist ein Mikrochip, ein Glasfaserkabel, ein Sensor. Viel Netzgedankliches, Mediales. Aber viel davon unter Verschluss, weil es einem Patentierungsverfahren unterworfen ist. Man ist dann immer auf diese visionären Hochglanzbilder zurückgeworfen, die keinen Forschungsprozess abbilden. Sie zeigen auch nicht die Vorstellung, wie Menschen sich in dieser Zukunft zu verhalten haben, wie sie zusammenleben.

Lothar: Die Konzeptsprache war auch nicht leicht auszuhalten. Die Sprache der Projektbeschreibungen, oder?

Elisabeth: Stadtplanerische Konzepte. Darüber muss man in der Ausstellung sprechen und eine räumliche Übersetzung finden. Wir haben einen großen interaktiven Medientisch gebaut, mit einem Modell von Aspern, dem Stadtentwicklungsgebiet im Norden von Wien. Dazu die Konzepte als Cartoon gezeichnet. Das ist das derzeitige Planungskonzept der Stadt Wien. Es ist nicht die Realität. Es ist nicht die beste Vision für immer, sondern die beste, die die Stadt jetzt hat. In Workshops können die Besucher das Modell selbst weiterentwickeln, die Stadt nach ihren Bedürfnissen weiterplanen, und die Stadt interessiert sich für diesen Prozess.

Lisa: Das ist toll, weil wir Partner haben, die am Prozess interessiert sind. Die wollen von uns die Rückmeldungen der Besucher wirklich hören. Sie haben Interesse, ihre Visionen rückzukoppeln.

Lothar: Und da gibt es wirklich Leute, die für 2050 planen.

Elisabeth: Das braucht es auch. Stadt ist auch gemacht. Wir zeigen das mit dem interaktiven Modell von Aspern. Was passiert wenn ein Stück Stadt auf der grünen Wiese entsteht. Meine erste Erfahrung war, wenn man mit Leuten über Aspern spricht , dass sie ein Gefühl dazu haben auch wenn sie es nicht kennen: das ist schön, das ist gut, das ist fad. Aber es gibt da eine Idee, Gedanken, dann kommt die Planung. Mir war wichtig, in der Ausstellung zu zeigen, dass das Bild nicht fertig ist. So wird’s nicht werden, wie es auf dem Modell zu sehen ist. Wir wissen es nicht.

Lothar: Das ist schwer auszuhalten für Besucher wie mich. Geht’s nicht konkret? Aber das muss man halt aushalten. Ich war in Aspern zum Weihnachtsspaziergang 2015. Wind. Steppe. Häuser. Dunkelheit. 2016 war ich in der Pizzeria dort und habe das wirken lassen. Da waren Menschen, die getan haben, als ob sie immer schon dort wohnten. Ich fand es interessant, aber von der Tiefgarage her hat’s gestunken, auf der Terrasse der Pizzeria. Da bin ich gespannt, ob das jemals jemand merkt, dass mich das stört. Und wie es behoben wird.

Elisabeth: Das sind die genau die Sachen, die in einem großen Stadtentwicklungsplan fehlen. Etwas, was sich erst durch die Benützung der Stadt ergibt. Individuelle Chancen. Individuelle Störungen.

Lothar: Und ich möchte auch gerne wissen, wer es geschafft hat, die U-Bahnlinie so zu verbiegen. Die macht da eine riesen Kurve, einen U-Turn. Wer hat die Macht, das im Planungsprozess zu bewirken?

Lisa: Die U2 fährt nie gerade aus.

Lothar: Ja, in der Innenstadt, aber draußen, große Kurve. Diese plötzliche Richtungsänderung. Wer war das? Aber egal. Eure leuchtenden Augen, wenn ihr von Menschen erzählt, die ihre Stadt benützten, das hat mich fasziniert. Wenn ihr von den Bewohnern am Schwendermarkt erzählt, im 15. Bezirk, wie sie ihre Sprachlandschaften erforschen, wie sie einander helfen, Kochworkshops machen, wie sie kooperieren. Diese menschlichen Komponenten haben euch wirklich erreicht.

Lisa: Sehr. Die Partizipation. Wie können wir das in der Ausstellung abbilden? In Österreich denkt man ja doch eher von oben nach unten. Der Schwendermarkt eignet sich durch die vielen Initiativen gut dazu.

Elisabeth: Das sind zentrale Projekte für eine Stadt. So fühlt es sich an, wenn man drinnen lebt. Wie wollen wir in Zukunft miteinander leben? Wie kann ich etwas bewirken? Das ist das Zentrum der Ausstellung und rundherum entwickeln sich dann die Forschungsprojekte. Dieses Zentrum muss das auf die gleiche Eben heben, um zu zeigen, dass es genau so wichtig für die Stadtentwicklung wie die „offizielle“ Stadtplanung. Wenn nicht sogar die Basis.

Lothar: Partizipation. Dieses Wort macht mich nicht nervös. Vermutlich, weil ich so viel Energie brauche, es auszusprechen. Aber ich finde es gut. Wir haben so einen großen Paradigmenwechsel von diesem Zustandsdenken in Österreich. Da hat wer nur eine Kuh hinterm Haus, das ist kein großer Bauer. Der Zustand des Besitzes. Hin zu einem Prozessdenken, organisch-biologisch zu denken, als Imker vielleicht einen nachhaltigen Wachskreislauf zu entwickeln, in dem sich keine Schadstoffe ansammeln. Prozesse bestimmen die Zukunft. Und bei euch in der Ausstellung sieht man, dass ein Prozess eine Zeit braucht, die abläuft. Wenn ich da einen Raum betrete, den ihr gestaltet habe, dann geht etwas los. Nach einigen Minuten komme ich drauf, dass ich mich nicht traue, auf diese begehbare Glasscheibe am Boden zu steigen. Dann bemerke ich, der Raum ist auch etwas eng. Alles Sachen, die ich sonst nicht spüre. Und dann denke ich mir, was haben die da gemacht?

Elisabeth: Das war uns wichtig. Manche denken sich, ich will nicht draufsteigen, da sieht das jemand von unten.

Lothar: Huch. Daran habe ich gar nicht gedacht.

Elisabeth: Dann gehe ich rundherum. So ist das auch im Stadtraum. Das passiert ja auch draußen. In einem Ausstellungsraum kann ich mich geschützt dem aussetzen. Dazu muss ich bei den Besuchern auch erst einmal die Wahrnehmung schärfen. Aber das ist für mich der erste und zentrale und wichtigste Ausstellungsinhalt. Wenn man über die platzsparende Sambatreppe geht, eine links-rechts-Treppe, muss man erst lernen, mit so einer Treppe umzugehen. Im asiatischen Raum, wo es weniger Platz für Treppen gibt, ist sie Gang und Gäbe. Danach nehme ich den Raum anders wahr, ich bewege mich anders. Bewusst nehmen das die Leute gar nicht unbedingt wahr. Aber sie nehmen trotzdem etwas mit, was sie körperlich speichern. Die Treppe ist nicht nur eine Treppe sondern gleichzeitig ein Ausstellungsobjekt, das von den Besuchern benützt wird. Es gibt auch einen ganz kleinen Raum, 9m2 groß. In Paris kann so etwas eine ganze Wohnung sein. Die Besucher können ausprobieren wie sich so ein Raum konkret anfühlt, was darin überhaupt Platz findet.

Lisa: Das war auch toll an dem neuen Gebäude, dass es ein Werkzeugkasten ist, mit dem man ganz viel machen kann. Man kann Außenwände herunterklappen, öffnen, hineinklappen, Dinge reinziehen. Wir haben viel mit den Architekten gearbeitet, die den neuen Raum geschaffen haben. Auch mit den Architekten, die die Szenen der Ausstellung geplant haben. Dass dieses Feeling entsteht. Ein Raumgefühl. Im Ausstellungsteil „bewegt“ eine Bewegung zu haben. Diese Möglichkeit, über den Körper etwas zu spüren.

Lothar: Ich bin durch die Ausstellung durchgegangen und ich habe alles gespürt, was ihr beschreibt. Das ist ja sehr plausibel. Wenn jemand blind ist, dann erzählt der Klang des Blindenstocks am Pflaster auch über den Raum. Das ist auch bei meinen Radiosendungen so. Jedes Interview, jedes Geräusch, erzählt auch den Raum mit, in dem es aufgenommen wurde. Aber kann die Gestaltung solcher Gefühle nicht auch belehrend wirken?

Elisabeth: Ich finde nicht. Wir hatten eine Grundidee. Wie das bei den Menschen ankommt, wie sie die Dinge benutzen, bestimmen sie selbst. Ob rau oder nicht rau, hart oder nicht hart, das kommt auf sie drauf an. Diese „Enzi-Möbel“, die viele als Sitzgelegenheiten vom Museumsquartier kennen: da rutschen Kinder herum, sitzen 15 Leute drauf, oder auch nur drei. Und man kann springen. Es gibt wenig vorgegebene Nutzungsmöglichkeiten. Und das haben wir auch in der Ausstellung immer wieder versucht.

Lisa: Wer sich traut, kann auch einer grafischen Leitlinie am Boden folgen. Dabei wird die Offenheit der Ausstellung durch diese Bodenlinie ironisch gebrochen. Da wird der Raum nämlich plötzlich sehr beengend. Und das wiederum ist eine Erweiterung des Erfahrungsraums.

Lothar: Beim Radio versuchen wir, die letzte Meile zu den Leuten nicht vorzudenken oder vorzusagen. Das machen sie dann selbst. Das dürfte mir als Ausstellungsbesucher beim Raum mit der Zugangsbeschränkung passiert sein. Eine App runterladen, ein SMS nach Amerika schicken, das hat mich 10 Minuten gekostet und dann stand ich in einem kleinen Müllraum, vor einem Mistkübel, der „danke“ sagte, als ich meine Eintrittskarte hineinwarf. War das ironisch?

Lisa: Es war nicht beabsichtig, dass du so lange dafür gebraucht hast. Aber natürlich wollten wir zeigen, was man spürt, wenn man ausgeschlossen ist. Wo alles im Leben unter Kontrolle ist, sogar der Müll.

Lothar: Ist das den Firmen, die so Zutrittskontrollen machen, bewusst? Denken sie die Metaebene mit?

Lisa: Ja, und das geht gar nicht anders, weil sie auch irgendwann Marketing treiben müssen. Sie überlegen sich das sehr genau. Und es ist dann nicht immer so, dass sie meine Vision von Gesellschaft teilen. Aber es geht ja auch um das Darstellen unterschiedlicher Vorstellungen von zukünftigem Zusammenleben – und was es ausmacht, wenn vieles davon steuerbar wird.

Lothar: Bei euch gab’s ja auch einmal eine Roboterausstellung mit einem Industrieroboter, der lieblich Bällchen zugeworfen hat. Da hätte ich mir schon etwas Ironie gewünscht, dass er zum Beispiel den Besuchern Farbpatzen zwischen die Augen geschossen hätte, weil das kann ja so ein Ding auch. So ein ironisches Erlebnis müsste man halt extra buchen.

Lisa: Das könnte auch Marketing sein: Ah, der war im Technischen Museum, der hat da einen Farbpatzen an der Stirn. Aber es ist ein wichtiger Punkt. Wir sind es gewohnt, dass die Dinge im Museum vergangen sind. Maximal noch gegenwärtig. Wir könnten eine Atombombe ausstellen, würde niemand vermuten, dass sie noch funktioniert. Alles was wir ausstellen hat den Nimbus, das ist transferiert, das ist musealisiert. Da noch eine Ironie anzubringen ist eine Kunst.

Lothar: Im obersten Stock eurer Ausstellung bin ich dann noch an einer Ampel eines Fußgängerübergangs gestanden und habe mit einem anderen Wartenden „Pong“ gespielt, ein Computerspiel, das über zwei Displays an den Ampelschaltungen gesteuert wird. Gemeinsam mit dem Gegenüber. Das war nett. Ich habe eine kurze Beziehung aufgebaut. Normalerweise mache ich das im Theater mit Publikumsbeteiligung oder so erzwungene Kontakte mit anderen Menschen nicht so gerne. Es war einfach sympathisch, sich beim Warten nicht nur die Zeit zu vertreiben, sondern eine Beziehung aufzubauen. Das ist wie eine zwischenmenschliche Währung, und so etwas bei einer Ausstellung geschafft zu haben, das macht mich richtig froh. Da hat offenbar jemand für mich so eine Situation herstellt, dass das möglich war. Und das hat einen fröhlichen Schluss gemacht. Ich bin oben raus und sozial beglückt wieder weggegangen. Am Land muss ich schon auf 100 Meter erkennen, ob mir jemand gefährlich sein könnte, wenn er entgegen kommt. Aber auf 20 Meter an der Ampel „Pong“ zu spielen, da wird mir der Andere bei der folgenden Begegnung die Brieftasche nicht rauben.

Lisa: Auch das ist eine gesellschaftliche Innovation. Wie es sein könnte.

Elisabeth: Man soll sich ja als Besucher auch nicht alleine an Vitrinen abarbeiten.

Lothar: Ich muss vielleicht an dieser Stelle sagen, ich habe ja eure Texte bekommen, weil ich ganz zum Schluss beim Ausstellungsmachprozess bei der letzten Meile dabei war. Die Texte ein bisschen zu überarbeiten, zu linearisieren, weil das beim Radio unser Hauptgeschäft ist, die Hörer können nur drei Sekunden zurückdenken. Für mich war dabei interessant, ich habe vom Ausstellungsmachen ja keine Ahnung, dass man immer ein Element wegnehmen kann und die Geschichte im Museum funktioniert noch. Wenn der Text weg ist, oder das Objekt, oder der Raum, dann funktioniert das andere noch.

Elisabeth: Wir haben auch einen „Rucksack“ vorne ans Gebäude gehängt, in den man nur von der Innenseite reinschauen kann. Es sind Zukunftsvisionen drin, auch solche, die nicht realisierbar sind. Um zu zeigen, dass es nicht unbedingt wichtig ist, ob sich etwas umsetzen lässt, sondern dass es um den Gedanken geht. Luftige Aufenthaltsräume für Kinder zwischen den Hochhäusern der Metropolen, 3D-gedruckte Häuser oder Flüchtlingshäuser für das Stadtzentrum. Denkmöglichkeiten.

Lothar: Jeder von euch hat auch ein eigenes Objekt in die Ausstellung gebracht, das ihm wichtig war.

Lisa: Bei mir waren das die Klingelpaneele eines Fotografen. Er hat Wiener Haustüren fotografiert und an den Namen und der Art der Kennzeichnung kann man so viel erkennen.

Elisabeth: Bei mir ist es ein Video über einen Panadero. Ein Brotverkäufer in Havanna, der mit seinem Wagerl durch die Straßen fährt. Die Leute lassen an Schnüren Körbe aus den Häusern herunter, mit Geld, das er herausnimmt und dafür Brot hineinlegt. Er ist ein Netzwerker, es entstehen Gespräche, ein Beziehungsgeflecht.

Lothar: Was ist euch denn nicht gelungen?

Lisa: Ich würde noch gerne länger über die Besucherinnen nachdenken, was sie tun, wie sie es tun. Es gibt Stellen, da hätte ich gerne noch ein paar Monate gehabt, um sie zu schärfen. Gespräche hätte ich gerne, die mir zeigen, was funktioniert hat, was in Erinnerung geblieben ist, wie Besucher die Ausstellung verändert hat.

Lothar: Es haben sich ja sicher auch die Beitragenden verändert? Die Firmen.

Lisa: Ich würde auch gerne noch mehr mit dem Museum als Anknüpfungspunkt der Stadtausstellung arbeiten. Noch mehr Austausch mit den angrenzenden Ebenen.

Elisabeth: Wir haben es vielleicht noch nicht genug geschafft, dass Besucher selbst die Ausstellung verändern können. So wie das Modell von Aspern. Es wird am Schluss der Ausstellungszeit das zeigen, was es wirklich gibt, und nicht das, was Vision ist. Es gibt da schon Workshops, die wir machen. Das, was die Besucher dabei weiterbauen, ist fast besser als die Planung.

Lothar: Ich hätte gerne die Tiefgarage von der Pizzeria weggerutscht. Ich finde es übrigens sehr charmant, dass eine Stadt so viele Ebenen hat. Ob ich alleine als Bewohner zum Stephansplatz gehe, oder mit Freunden aus dem Ausland, das sind zwei unterschiedliche Ebenen. Da werde ich ganz andere Leute treffen. Das Illegale würde mich auch interessieren. Der Graubereich. Wo kann ich mich als Jugendlicher verstecken und Blödsinn machen, ohne gleich verknackt zu werden. Gut, im Café Goldegg gibt es schon noch Räume, wo man etwas unbeobachtet machen kann.

Lisa: Es hat im Technischen Museum einmal ein Kino gegeben – sehr „unbeobachtet“, das wurde wieder abgebaut. Aus gutem Grund.

Lothar: Wenn man jetzt hört, am Westbahnhof soll das Gratis-Internet abgeschaltet werden, weil er zu sehr als Aufenthaltsraum benutzt wird, muss ich lachen. Wofür wurde denn das ursprünglich gemacht? Für Kunden, die eine Stunde auf den Zug warten. Gekommen sind Menschen, die das Internet brauchen, zum Überleben.

Lisa: Ich gehe auch dorthin, habe Besprechungen in diesem Wartebereich, zwischen den Menschen aller Nationalitäten, allen Alters, der Polizei, die recht entspannt ist. Es ist wunderbar, dort zu arbeiten. Ich bin dort auch alleine noch nie blöd angemacht worden.

Elisabeth: Es gibt in der Ausstellung auch ein Video einer russischen Künstlerin, die mit 18 aus St. Petersburg gekommen ist. Sie hat tagelang am Westbahnhof als Flüchtling geschlafen. Jahrzehnte später hat sie ein Video gemacht, dort noch einmal diese Zeit nachzuleben. Das geht nicht mehr. Die Sitzmöglichkeiten sind anders geworden.

Lothar: Aber es ist durchaus logisch, dass sich das nach einigen Jahren auch verändert. Wenn ihr euch eine weitere Stadt in dieser Welt aussuchen könntet, wo würdet ihr denn diese Ausstellung zur Zukunft der Stadt außer in Wien noch gerne machen?

Lisa: Am liebsten in irgendeiner österreichischen Kleinstadt.

Elisabeth: In einer Metropole, die ich gar nicht kenne, in einer chinesischen Stadt vielleicht. Wo ich nicht weiß, wie die Leute die Stadt benutzen. Oder auch in Paris. Das ist eine sehr strukturierte Stadt. Paris bleibt vom Baulichen über die Jahre hin recht gleich, da würde ich gerne schauen, was sich in dieser Stadt trotzdem verändert. Wien verändert sich da sichtbarer als Paris.

Lothar: Die Wiener haben es ja mit Gratissackerl, Strafandrohung und ein bisschen sozialem Druck eine Mischung geschafft, die dafür sorgt, dass Hundekot zuverlässig vom Gehsteig verschwindet. Das hat mich an den Parisern extrem fasziniert, dort machen die Hunde in den Randstein, und in der Früh werden in der ganzen Stadt überall Hydranten geöffnet, die das alles wegspülen.

Lisa: Es lebe die Schwemmkanalisation.

Lothar: Ja, aber es ist mehr, es sind zwei verschiedene Lösungen für dasselbe Problem die nicht vertauscht werden könnten. Und es funktioniert in beiden Städten. Schön war’s. Danke für diesen Einblick ins Geschichtenerzählen im Museum.


Dieses Gespräch können Sie mit allen Zwischentönen auch hören – im neuen Podcast „Stadtgespräche“, der auf http://sg.sprechkontakt.at kostenlos zum Download bereitsteht.